Metaphernanalyse

„Metaphernanalyse in der Sozialen Arbeit“ von Rudolf Schmitt[1]


Inhaltsübersicht

[1.] Metaphern als elementare Kategorisierung und Sinnstiftung
[1.1] Zentrale Annahmen der kognitiven Metaphernanalyse
…… [1.1.1] Begriff der Metapher
…… [1.1.2] Metaphorische Konzepte
…… [1.1.3] Metapherngenerierende Schemata
[1.2] Folgen des unausweichlich metaphorischen Denkens
[1.3] Embodiment: Metaphern und Körper
[1.4] Metaphern und Kultur
[2.] Vorgehensweise der systematischen Metaphernanalyse
[3.] Spezifische Bedeutung für Forschung in der Sozialen Arbeit
[4.] Konsequenzen für die psychosoziale Beratung
[5.] Für welche Forschungsfragen ist die systematische Metaphernanalyse geeignet?
[6.] Studien in dieser Tradition im Kontext Sozialer Arbeit
[Weiterführende Literatur]

 

[1.] Metaphern als elementare Kategorisierung und Sinnstiftung

Wir sprechen von „Oberschicht“ und „Unterschicht“, sind „verschlossen“ oder „offen“, „kommen weiter“ oder sind „in einer Sackgasse“, „klären auf“ und erinnern uns „dunkel“, „dekonstruieren“ und „rekonstruieren“: Metaphorische Denkmuster durchziehen Sprechen und Denken. Metaphern nehmen als Ausdruck von Sinn bereits in Gadamers grundlegenden Überlegungen zur Hermeneutik (Gadamer [org. 1960] 1986: 433) einen besonderen Platz ein, spielten jedoch in der Einführung seiner Hermeneutik in die Sozialwissenschaften durch Habermas (1967) keine Rolle mehr. Der Linguist George Lakoff und der Sprachphilosoph Mark Johnson publizierten 1980 das Buch Metaphors We Live By (deutsch 1998), das mit drei Folgepublikationen (Lakoff 1987; Johnson 1987; Lakoff/Johnson 1999) die Diskussion bestimmte: Es erschienen kaum noch Veröffentlichungen, die keinen zustimmenden oder ablehnenden Bezug zur darin aufgestellten Theorie bildhafter Sprache haben. Lakoff und Johnson gehen davon aus, dass hinter alltäglichen Redewendungen metaphorisch strukturierte Konzepte des Denkens stehen, die unser Handeln und Fühlen bestimmen. Die davon abgeleitete systematische Metaphernanalyse verbindet Anregungen von Gadamer, Habermas, Lakoff und Johnson und entwickelt sie zu einer Methode sinnverstehender Forschung.

[1.1] Zentrale Annahmen der kognitiven Metapherntheorie

Lakoff und Johnson erweitern klassische Definitionen der Metapher, postulieren gemeinsame Muster von einzelnen Metaphern und sondieren ihre Rolle im individuellen Denken, bedenken den Zusammenhang von Bildsprache und Leiblichkeit, und sehen Metaphern als Element der Kultur: Diese Facetten sollen im folgenden Abschnitt entfaltet werden.[2]

[1.1.1] Begriff der Metapher

Überraschend ist zunächst eine radikale Einfachheit der Definition: „The essence of metaphor ist understanding and experiencing one kind of thing in terms of another“ (Lakoff/Johnson 1980, 5): Eine Metapher überträgt Bedeutungen von einem Bereich auf einen anderen. Ein Vorzug dieser Definition besteht darin, dass alltägliche Metaphern erfasst werden können, wie die folgenden Beispiele aus einer Studie zu alltäglichem Alkoholkonsum zeigen (Schmitt 2002a, 2002b):

wenn man so viel getrunken hat, dass man Filmriss hat (B1)[3]
Es war wie als würde man durch eine dicke Nebelwand durchgucken [Kater] (B1)
Du kannst nicht mehr richtig klar denken (B11)

Wenn wir die Kernbestimmung der Übertragung von Bedeutungen von einem Bereich auf einen anderen ausdifferenzieren, enthalten die kursiv gesetzten Redewendungen drei Elemente einer weiteren Definition einer Metapher nach Lakoff/Johnson (1980: 10, 14):

a) In diesen Redewendungen lässt sich ein Quellbereich der Metapher, d.h. eine für die Befragten sehr konkret-sinnliche Erfahrungsbasis rekonstruieren: „Benebelt“ und „klar denken“ verweisen auf visuelle Sinneseindrücke und das Vermögen, Helligkeit, Dunkelheit und Grade dazwischen zu unterscheiden.
b) Diese Redewendungen beziehen sich auf ein komplexes Ziel, nämlich den Zustand einer mehr oder minder fortgeschrittenen Intoxikation mit Alkohol.
c) Diese Redewendungen übertragen einen bildlichen Gehalt von einer konkreten semantischen Quelle (hier: Sehen) auf ein abstrakteres Ziel (hier: Trunkenheit). Diese Übertragung dient gleichermaßen der konstruierenden Versprachlichung des Phänomens, der sozial geteilten Sinnstiftung wie der Kommunikation. In der Regel werden abstraktere, neue, sozial anstößige oder emotional irritierende Phänomene metaphorisch konstruiert.

Alle Redewendungen, in denen Bedeutungen von einer Bild-Quelle auf ein Bild-Ziel übertragen werden, gelten für Lakoff und Johnson als Metapher. Das ist eine sehr weite Definition – sie ebnet Differenzierungen wie Symbol, Chiffre, Vergleich u.a. ein und fokussiert nur auf den Prozess der Übertragung von semantischen Gehalten von einem Phänomen auf ein anderes.

[1.1.2] Metaphorische Konzepte

Die wesentliche Neuerung der kognitiven Metapherntheorie besteht in der Erkenntnis, dass Metaphern in der Regel nicht ohne Zusammenhang auftreten, sondern sich bündeln lassen. Alle oben genannten Metaphern vom „Filmriss“, die Einschätzung, die Grenzen seien bei Trunkenheit „nicht überschaubar“, der Erinnerungsverlust als „blackout“, die Erfahrung, „nicht mehr richtig klar denken“ zu können und „benebelt“ zu sein, bebildern den Zustand fortgeschrittenen Alkoholkonsums als visuelle Einbuße, als Zustand der Dunkelheit und der Undurchsichtigkeit. Das ist in der Terminologie Lakoffs und Johnsons ein ‚metaphorisches Konzept‘: Allen Aussagen ist der konkrete Quellbereich visueller Sinneseindrücke gemeinsam, allen Redewendungen ist auch der Zielbereich der Metaphorisierung, die Trunkenheit, gemeinsam. Dieses Konzept lässt sich formulieren als ‚Trunkenheit ist Dunkelheit‘ oder ‚Trunkenheit ist eingeschränktes Sehen‘ – welche Formulierung des Konzepts angemessen ist, zeigt sich in der Durcharbeitung der einzelnen metaphorischen Formulierungen am zu untersuchenden Text. In der kognitiven Metapherntheorie muss also zwischen einzelnen metaphorischen Redewendungen und metaphorischen Konzepten unterschieden werden. Die folgenden Beispiele summieren unter einem Konzept als Überschrift eine Reihe alternativer metaphorischer Praxen des Umgangs mit Alkohol (Schmitt 2002):

Alkohol ist ein ‚guter Tropfen‘
dann einmal ein Gläschen Wein und dann auch als Besonderheit ein Gläschen Sekt (B2)
dass also ein guter Tropfen zählt, aber wenig. Also, nicht, nicht die Masse Alkohol (B2)
sie [die Mutter] schenkt mir zwar öfters mal Weinflaschen, teurere (B6)

Die Verkleinerungsformen „Gläschen“ oder „Tropfen“ werden in diesen Beispielen aufgewertet durch adjektivische oder adverbiale Bestimmungen (ein ‚guter‘ Tropfen, ‚teurere‘, ‚als Besonderheit‘), die dem Alkohol einen besonderen Wert als flüssige Kostbarkeit zuweisen. Auf der Handlungsebene lässt dieses Konzept des ‚guten Tropfens‘ eine Ritualisierung der Alkoholmengen zu, die im visuellen Konzept, dass Trunkenheit zur Dunkelheit führt, nicht denkbar war. – Stärker auf eine Wirkung zielt ein drittes metaphorisches Konzept:

Alkohol ist Hilfe zur Öffnung des Personen-Behälters
dass andere Leute sich mehr öffnen, wenn sie etwas getrunken haben, … aber ansonsten sind die eingeschüchtert, verschlossen, zu (B10)
Da kann ich nicht, da komme ich auch nicht aus mich raus (B11)

Dieses metaphorische Konzept enthält die Selbstdefinition, im nüchternen Zustand „verschlossen“ zu sein und den Alkohol zur sozialen „Öffnung“ zu brauchen. – Deutlich wird, dass mit diesen metaphorischen Konzepten unterschiedliche, aber auch sich überlappende alltägliche Praxen des Umgangs mit Alkohol zu finden sind (Schmitt 2002a). So ist fast allen Konzepten gemeinsam, dass Alkohol in hohem Maße geschätzt wird. Diejenigen, die aufgrund fortgeschrittener Schädigungen abstinent leben müssen, müssen sich mit diesen in der Alltagskultur verankerten metaphorischen Denkmustern auseinandersetzen und alternative Bilder entwickeln (Schmitt 2002b); auf die unmittelbar praktischen Folgerungen für das Beratungshandeln gehe ich später kurz ein.

Metaphernanalysen rekonstruieren in den metaphorischen Konzepten Muster der Sinngebung, deren Implikationen für Denken und Handeln, den Grad der Dominanz eines metaphorischen Konzepts im jeweiligen Diskurs, und versuchen nicht zuletzt, Bruchstellen und Widersprüche zwischen unterschiedlichen metaphorischen Konzeptualisierungen zu finden. In anderen interpretierenden Verfahren wird zuweilen eine einzige Metapher fokussiert und damit überinterpretiert – davon grenzt sich die systematische Metaphernanalyse ab, weil dies den vielseitigen und viel-metaphorischen Facetten eines Phänomens selten gerecht wird.

Zurück zu Lakoff und Johnson: Die Zahl möglicher vorkommender Metaphern ist unbeschränkt, die Zahl metaphorischer Konzepte dagegen beschränkt – und damit die Zahl der kognitiven Muster. Lakoff und Johnson geben Übersichtslisten wichtiger metaphorischer Konzepte vor (dies. 1999, 50ff), sie gehen von 24 zentralen alltäglichen metaphorischen Konzepten aus. Die Autoren benutzen dabei eine Rhetorik, als seien metaphorische Konzepte wie Gegenstände oder naturwissenschaftliche Konstanten zu ‚entdecken‘; sie explizieren den Prozess des ‚Findens‘ nicht und übersehen, dass sie unausgesprochen hermeneutisch arbeiten. Die hier vorzustellende systematische Metaphernanalyse ist an diesem Punkt vorsichtiger und geht davon aus, dass metaphorische Konzepte für Personen, Gruppen und Kulturen verstehend rekonstruiert werden müssen, und nur ein sehr kleiner Kernbereich von metaphorischen Konzepten den Status linguistischer Universalien haben könnte. Metaphorische Konzepte sind in diesem Verständnis das Resultat einer hermeneutischen Bemühung, den gemeinsamen Sinn von Metaphern zu erschließen. Wie bei jeder hermeneutischen Anstrengung sind daher metaphorische Konzepte unabgeschlossene und weiter zu verfeinernde (Re-) Konstruktionen.

[1.1.3] Metapherngenerierende Schemata

Bisher wurden zwei Differenzierungen eingeführt: einzelne metaphorische Redewendungen und metaphorische Konzepte als Bündelung einzelner metaphorischer Formulierungen, die im Quellbereich und im Zielbereich übereinstimmen. Lakoff und Johnson führen ab den Publikationen von 1987 einen dritten Schlüsselbegriff ein, den der ‚Schemata‘. Sie beschreiben diese ‚kinaesthetic image schemas‘ als einfache, präverbale und gestalthafte Erfahrungen, die selbst noch keine Bildqualität haben, aber als basale Muster hinter den Metaphern zu finden sind.

Räumliche Schemata werden bereits in der Publikation von 1980 als ‚orientational metaphors‘ gefasst: sich ‚obenauf‘ zu fühlen, eine ‚Hochstimmung‘ und die Gegensätze dazu, ‚gesunkene‘ Stimmungen und sich ‚down‘ zu fühlen. Dieses Muster kehrt auch in abstrakteren Diskursphänomenen wieder. So erscheint auch Tugend in dieser Dichotomie: ‚hohe‘ moralische Standards vs. ’niederträchtige‘ Handlungen. Lakoff und Johnson fassen dieses kulturell übliche Schema in einem Konzept zusammen: ‚Gut ist oben‘. Das Beispiel zeigt das Verhältnis von Schema, metaphorischer Redewendung und Konzept: Schemata (wie oben/unten, vorne/hinten) generieren eine Reihe alltäglicher Redewendungen. Die in ihnen enthaltenen Übertragungen auf soziale, psychische etc. Phänomene lassen sich als Konzepte formulieren.
Bedeutete die Annahme von räumlichen und metapherngenerierenden Schemata schon eine Ausdehnung des traditionellen Metaphernverständnisses, so überschreitet die Annahme weiterer bildspendender Schemata den üblichen Begriff der Metapher endgültig:

  • Metaphorische Vergegenständlichungen konstruieren abstrakte Phänomene als quantifizierbare Substanzen: ‚viel Einfluss‘, ‚wenig Liebe‘. Vor allem Mengenangaben (‚mehr‘, ‚weniger‘) kennzeichnen diese metaphorische Substantialisierung.
  • Eine zweite Vergegenständlichung nutzt das Gefäß-Schema z.B. für die Wahrnehmung: Wenn etwas ‚in‘ Sicht kommt oder ‚außer‘ Sichtweite ist, dann konstruieren die Präpositionen ‚in‘ und ‚außer‘ das Sichtfeld als Gefäß.
  • Wenn wir von ‚der Inflation‘ reden, dann geben wir einem diffusen Geschehen aus ökonomischen und sozialen Einzelphänomenen eine metaphorische Ganzheit, die es uns erlaubt, im Singular der dritten Person mit ihr zu hantieren, als sei es ein kausal wirksames Objekt: „Die Inflation bewirkt, dass … “ Wir übertragen hier das Muster eines Gegenstands auf die komplexe wirtschaftliche Erscheinung – eine komplexitätsreduzierende Konstruktion.

Abstrakte Phänomene wie Liebe, Macht, Politik etc. sind oft in solchen Substanz-, Behälter-und Gegenstands-Konstruktionen fassbar, sei es, um sich auf sie zu beziehen, um sie zu quantifizieren (‚viel Liebe‘), Phänomene zu lokalisieren (‚in der Depression‘) oder um kausale Vermutungen anzustellen (‚der Alkohol macht …‚). Lakoff und Johnson begreifen also die Vergegenständlichung komplexer psychischer oder sozialer Phänomene in einem Substantiv als Ergebnis eines metaphorischen Prozesses – das ist die radikalste und am schwersten zu vermittelnde Ausdehnung des Metaphernbegriffs. Johnson (1987) versucht diese zentralen Schemata im Rückgriff auf Kant als kognitive Universalien zu formulieren und mit Bezug auf Piaget ihre körperliche, sensomotorische Fundierung zu erklären. Er begreift sie phänomenologisch als nicht weiter hintergehbare einfachste Grundmuster der Wahrnehmung und des Denkens. Diese starke Betonung des Zusammenhangs von sprachlichem und mentalem Geschehen verweist auf Einflüsse der Sapir-Whorf-These der linguistischen Relativität, die besagt, dass der für eine Sprache und Kultur typische grammatische Regelvorrat und die jeweilige lexikalische Grundsubstanz das Denken und Handeln determinieren.[4]

Die Kenntnis der hier genannten metapherngenerierenden Schemata hilft, Metaphern zu erkennen. Die für die Sozialwissenschaften interessanteste Ebene ist jedoch die der oben genannten konzeptuellen Metaphern: In ihnen bündeln sich die relevanten Übertragungen, d.h. Muster des Denkens, der Wahrnehmung, der Empfindung und des Handelns.

[1.2] Folgen des unausweichlich metaphorischen Denkens

Psychologische Untersuchungen zum Problemlösungsverhalten verweisen auf einen engen Zusammenhang von metaphorischer Kognition und Handlungsplanung, und so wird der Ansatz von Lakoff und Johnson auch in der Psychologie rezipiert (Moser 2001, Gibbs 2006). Metaphern prägen unser Denken und Handeln durch die beiden kognitiven Mechanismen des highlighting und hiding: Sie heben bestimmte Aspekte menschlicher Verhältnisse heraus und verdeutlichen sie (highlighting) und vernachlässigen andere Aspekte bzw. verhindern sogar ihre Wahrnehmung (hiding). So fokussiert beispielsweise in der Debatte um Einwanderung die Metapher, dass ‚das Boot voll‘ sei, ein räumliches Bedrängtheitsgefühl und Knappheit an Ressourcen (highlighting). In der Metapher verschwindet, dass Einwanderung nichts mit räumlicher Enge zu tun hat, Ressourcen im Vergleich zu Ausgangsländern der Einwanderung reichlich vorhanden sind und Integration etwas anderes ist als das einmalige Klettern über einen Bootsrand (hiding). Metaphern konstruieren, beleuchten und verdunkeln Zusammenhänge und leiten damit Denken, Handeln und Fühlen an.

[1.3] Embodiment: Metaphern und Körper

Bereits oben wurde formuliert, dass Schemata einfache Strukturen aus einfachen und gestalthaften Erfahrungen (z.B. Höhe und Tiefe, Behälter) darstellen, die sich metaphorisch auf komplexe, tabuisierte oder neue Sachverhalte übertragen lassen (z.B. ‚Oberschicht‘, ‚Unterschicht‘, ‚high‘ oder ‚down‘ sein). Als Quelle der Schemata dienen oft körperlich erfahrbare Dimensionen oder einfache Handlungsabläufe, die als elementare Muster des Verstehens abstrakter Zielphänomene genutzt werden. So verweist das Schema eines Wegs mit Anfang und Ziel auf ein früh erlebtes Handlungsmuster seit dem ersten Krabbelversuch, das eine Vielzahl von Metaphern des ‚Lebenslaufs‘ und des ‚Lebenswegs‘ generiert und uns von ‚Fortschritt‘, ‚Rückschritt‘ und ‚Zielen‘ reden lässt, davon, ‚weiter zu kommen‘ im Leben, ‚Durststrecken‘ und ‚Sackgassen‘ überwinden zu müssen. Dasselbe Schema vom Weg mit Anfang und Ziel kann auch der Hintergrund anderer metaphorischer Konzepte sein, z.B., wenn Liebe als Weg konzipiert wird (’sie finden zueinander‘, ’sie gehen miteinander‘, ’sie gehen auseinander‘). Die Fundierung der Metaphorik in der körperlichen Erfahrung wird bereits im ersten Buch immer wieder emphatisch behauptet (Lakoff/Johnson 1980, 56ff.) und bekommt erst in der Publikation von 1999 einige empirische Bezüge, die z.B. die Entwicklung der Metapher des Sehens für kognitive Vorgänge (‚Einsicht‘, ‚Klarheit‘) in entwicklungspsychologischen Studien rekonstruieren (Lakoff/Johnson 1999: 46ff., vgl. Schmitt 2005, breite Übersicht in Gibbs 2006).

[1.4] Metaphern und Kultur

Um die kulturelle Strukturierung unserer Erfahrung vom Standpunkt der kognitiven Linguistik zu fassen, führen Lakoff und Johnson den Begriff der Kohärenz ein (dies. 1980: 22-25): Wir leben in einer Kultur, in welcher Begriffe wie Glück, Tugend, Macht, Status, Gesundheit etc. in der Regel recht kohärent mit Metaphern der Höhe bedacht werden, die gegenteiligen Begriffe werden metaphorisch mit Tiefe assoziiert: ‚Unterlegenheit‘, sozialer ‚Abstieg‘, in der Achtung von jemand ’sinken‘ etc. Das gilt auch für soziale Gruppen mit abweichenden Werten. Selbst in extremen religiösen Minderheiten unserer Kultur gilt, dass Tugend ‚oben‘ ist und das metaphorische Konzept ‚gut ist oben‘ gebraucht wird – vom ‚geistigen Wachstum‘ bis zum Himmel als Ort ‚höchster‘ Autoritäten. Die Autoren postulieren, dass elementare Werte einer Kultur auch in deren Subkulturen mit ihren zentralen metaphorischen Strukturierungen kohärent sind. Hier geben Lakoff und Johnson Hinweise für die Ethnologie: Es sind Kulturen denkbar, in denen die Oben-Unten-Dichotomie nicht so bestimmend ist, aber andere räumliche Strukturierungen wie innen-außen, zentral-peripher etc. eine wichtigere Rolle spielen. Die Strukturierung der Erfahrung durch die kulturellen Schemata wird von Lakoff (1987) mit Analysen der Sprache der australischen Ureinwohner und Japans untermauert. Ihm sind Anthropologen (Quinn 1987; Kimmel 2004) gefolgt. – Gibbs (1997: 146) hat darauf hingewiesen, dass die Überlegung, ob denn Metaphern einen individuell-kognitiven, körperlichen oder kulturellen Ursprung haben, das Phänomen Metapher unzulässig zerreißt, weil Metaphern gerade diese Ebenen verbinden. Er plädiert dafür, Metaphern als emergentes Phänomen des Austausches von Körper, Welt und individuellem Geist zu deuten.

 

[2.] Vorgehensweise der systematischen Metaphernanalyse

Die Metaphernanalyse legt die metaphorische Konstruktion der Welt und des Selbst frei und rekonstruiert dabei ihre produktive, sinnstiftende, Erkenntnis fördernde wie auch Erkenntnis verhindernde Funktionalität. Da die Forschungsmethode auf dem begrenzten Raum nur skizziert werden kann, beschränkt sich die folgende Darlegung auf das Ablaufschema der systematischen Metaphernanalyse (vgl. ausführlich Schmitt 2017a):

a) Zielbereiche identifizieren
Welche Phänomene stehen im Fokus der Forschungsfrage und sollten als Zielbereiche einer Metaphorisierung untersucht werden? (z.B. Alkoholabhängigkeit, Abstinenz)

b) Sammlung der kulturellen Hintergrundmetaphern der Zielbereiche, Eigenanalyse
– Um die kulturell übliche Metaphorisierung eines Themas zu erfassen, wird ein Horizont von möglichen Metaphernfelder zu den Zielbereichen aus heterogenen Materialien (Lexika, Broschüren, Zeitungen, Protokolle, Publikationen) gesammelt (kultureller Vergleichshorizont).
– Die eigenen Metaphern der InterpretInnen für das Thema werden erhoben, da sie sonst als gegeben hingenommen und übersehen werden (Reflexion der Standortgebundenheit).

c) Erhebung des Materials
Da die Metaphernanalyse durchaus aufwändig ist, wird ein sparsames Sampling (theoretical sampling oder maximale Variation der Perspektive) vorgeschlagen. Metaphernanalysen können Interviews, Internetkommunikation, theoretische Literatur und andere Dokumente nutzen.

d) Systematische Analyse einer Gruppe bzw. eines Einzelfalls
– Die Texte werden in ihre metaphorischen Bestandteile in einer Wort-für-Wort-Analyse zergliedert; alle metaphorischen Wendungen samt ihres unmittelbaren Text-Kontextes werden in einer separaten Liste erfasst.
– Kulturelle bzw. individuelle metaphorische Konzepte werden aus dieser Liste durch systematischen Vergleich rekonstruiert und stellen die Grundlage für die weitere Interpretation dar. Dieser zentrale und als Hermeneutik zu fassende Schritt identifiziert die in einem lokalen Text vorkommenden metaphorischen Muster, durch die hindurch die Welt konstruiert wird.

Die beiden Schritte sind zu trennen, um vorschnelle und über-interpretierende Deutungen zu vermeiden. Je nach Forschungsfrage erfolgen beide Schritte einzelfall– oder gruppenbezogen.

e) Interpretation mithilfe einer Heuristik
Die Rekonstruktion der in den metaphorischen Konzepten verdichteten Sinnstrukturen bedient sich einer Heuristik, in der Ausgangspunkte von möglichen Interpretationen genannt werden: der Vergleich metaphorischer Modelle untereinander, die Analyse von aufmerksamkeitsfokussierenden und -ausblendenden Funktionen des jeweiligen metaphorischen Konzepts etc., die Rekonstruktion der von metaphorischen Konzepten bezeichneten Handlungen, Einstellungen und Emotionen, das Fehlen von Konzepten u. a. (Schmitt 2003).

f) Triangulation, Gütekriterien
Die Daten-, Auswertungsmethoden- und Theorien-Triangulation ist von der Forschungsfrage abhängig. Gütekriterien einer Metaphernanalyse werden in Schmitt (2005) diskutiert.

g) Darstellung
Narrative, tabellarische und visuelle Darstellungen typischer metaphorischer Konzepte, Entfaltung ihrer (konkurrierenden) Sinngehalte, Diskussion der Bedeutung auffälliger und fehlender Metaphorik und der Rekonstruktion sozialer und biographischer Sinnzusammenhänge.

 

[3.] Spezifische Bedeutung für Forschung in der Sozialen Arbeit

Wenn Forschung in der Sozialen Arbeit das ‚Verhalten in seinen Verhältnissen‘ (Wendt 2006) begreifen will, muss eine Ebene der Phänomenbeschreibung gesucht werden, welche die subjektiven Konstruktionen der Handelnden ebenso ernst nimmt wie die wirksamen milieuspezifischen oder kulturellen Kategorisierungen der Welt. Die bisherigen Beispiele zeigten, dass Metaphern basale Muster der Weltdeutung und des Selbstverstehens darstellen. Es stellt sich die Frage, zu welchen Kategorien der Sozialforschung der Begriff des metaphorischen Konzeptes kompatibel ist. Es ist zunächst der Begriff der Deutungsmuster, welcher in der Nachfolge von Oevermann am prägnantesten herausgearbeitet wurde (z.B. in Lüders, Meuser 1997). In dieser Tradition wird jedoch die Existenz persönlich-idiosynkratischer Deutungsmuster nicht einbezogen – diese Einschränkung ist für die Metaphernanalyse wenig sinnvoll, da sie sowohl milieuspezifisch wie personenbezogen angelegt sein kann (ausführlich: Schmitt 2005). Einen anderen Anschluss der kognitiven Metapherntheorie an wichtige sozialwissenschaftliche Begriffe hat Schachtner (1999) elaboriert, indem sie die Verbindung von Metaphorik und Habitus am Beispiel ärztlichen Handelns herausgearbeitet hat. Für die Soziale Arbeit könnte zudem eine Neudefinition des Begriffs der Alltagspsychologie mithilfe der Metaphernanalyse nützlich sein (Schmitt/Köhler 2006). Metaphern enthalten professionsspezifische Deutungsmuster als Wissensbestände in der Sozialen Arbeit (Schmitt 1995, 2017b). Zusammenfassend formuliert: Metaphernanalysen erlauben es, subjektive Deutungen des Selbst und der Welt ebenso zu erfassen wie die von Gruppen und Milieus. Davon lassen sich für die Soziale Arbeit die konkreten Forschungsbereiche ableiten: Metaphernanalysen rekonstruieren

  • themenbezogene subjektive oder gruppentypische Konzepte von Betroffenen und Professionellen (vgl. das obige Beispiel zum Alkohol);
  • umfassendere Lebens- und Beziehungskonzepte in biographischen Fallstudien,
  • den Habitus von KlientInnen und Professionellen,
  • interaktive, sprachlich-mentale (Nicht-)Passungen im Rahmen des Arbeitsbündnisses zwischen KlientInnen und Professionellen.

 

[4.] Konsequenzen für die psychosoziale Beratung

Diese Erkenntnisse lassen sich in der psychosozialen Beratung nutzen; darüber hinaus lässt sich die Forschungsmethode zur professionellen Selbstreflexion nutzen. Die Metaphernanalyse hat also einen unmittelbar praktischen Bezug, weil sie Beratungshandeln um Hilfen zum Arbeiten mit Metaphern erweitert (u.a. Rose 1996, Schmitt 2000, Babits 2001, Engel/Sickendieck 2004). Auch wenn der Aufsatz auf die Forschungsmethode zielt, soll gezeigt werden, dass eine Metaphernanalyse keine folgenlose Interpretation um des Interpretierens willen bleiben muss, sondern für Beratung und Behandlung wesentliche Hinweise ergibt (Schmitt 2016). Hier sollen nur die wichtigsten Hinweise genannt werden:

a) Validieren der Metaphern der KlientInnen
Vor allem für den Beginn einer Beratung hat Barkfelt (2003) vorgeschlagen, die Metaphern der KlientInnen wertschätzend zu spiegeln und ihre Implikationen zu entwickeln: Was bedeutet für die Betroffenen das Gefühl, in nüchternem Zustand ‚verschlossen‘ zu sein? Was bedeutet das trunkenheitsinduzierte Gefühl, ‚locker‘ zu sein? Anders als in der Gesprächspsychotherapie bedeutet das nicht nur ein Spiegeln der Affekte, sondern auch ein Rekonstruieren der gedanklichen Konstrukte, in denen jemand sich und die Welt vorstellt. Diese Haltung nimmt das o. g. highlighting durch Metaphern ernst.

b) Arbeiten innerhalb der Metaphorik der KlientInnen
Nach der Sicherung des Verstehens und der Arbeitsbeziehung können in einem zweiten Schritt die Schattenseiten der metaphorischen Konstrukte (hiding) elaboriert werden: Wenn Trinken handwerkliche Arbeit bedeutet (s. o.), dann ist Konsumverzicht eine Art von Arbeitslosigkeit. Stimmt das so für den Betroffenen? Wenn ja, hat er Alternativen zu dieser Art von Arbeitslosigkeit? Oder: Wenn die Rituale des Trinkens soziales Geben und Nehmen bedeuten, dann ist Nichttrinken ein Verweigern von Zugehörigkeit und eine empfindliche Störung der sozialen Bindung. Wie können Geben und Nehmen auf eine andere Weise entwickelt werden?

c) Umdeutung von Metaphern
Zum Umdeuten bzw. Reframing gibt es sowohl in der kognitiven Verhaltenstherapie wie in den systemischen Ansätzen einige kunstvolle Erklärungen. Mit Interviewbeispielen lässt sich zeigen, dass Umdeutungen in der Lebenswelt selbst vorkommen (Schmitt 2002b): So gebrauchen trinkende Männer oft eine Metaphorik des Kampfs (‚Kampftrinker‘, ‚einen Kasten Bier niedermachen‘, Alkohol als ‚Nachschub‘). In Interviews mit abstinent lebenden Männern lässt sich nach der Abhängigkeit kaum noch das großspurig dargestellte Trinkvermögen, sondern die Abstinenz als männlich-kämpferische Höchstleistung finden. Diese Umdeutung taugt als praktischer wie theoretischer Hinweis: Metaphorische Konzepte als Deutungsmuster oder als Habitus können nicht einfach ‚dekonstruiert‘ werden; hier hat der soziologische Pessimismus, dass Habitus oder soziale Deutungsmuster ein großes Beharrungsvermögen haben, unbedingt recht. Beratung kann bewirken, dass metaphorische Deutungsmuster weniger selbst- und fremdschädigend genutzt, dass sie konstruktiv gewendet werden und dass im besten Fall reflexive Distanz zu ihnen entsteht.

d) Anbieten von neuen Metaphern
In seiner Bedeutung oft überschätzt wird das Anbieten neuer Metaphern, das in der Praxis das Risiko des manipulierenden Überstülpens fremder Konzepte birgt und daher mit einigen Vorsichtsmaßnahmen überlegt werden sollte. Angus/Korman (2002), aber auch Kopp (schon 1995) haben darauf aufmerksam gemacht, dass weniger die Einführung einer neuen Metapher, sondern vor allem die Ausdifferenzierung der Sprachbilder der KlientInnen eine Weiterentwicklung des Selbst- und Weltverständnisses nach sich zieht.

 

[5.] Für welche Forschungsfragen ist die systematische Metaphernanalyse geeignet?

Die bisherigen Überlegungen zeigen, dass die Metaphernanalyse für alle Forschungsfragen indiziert ist, die auf Deutungsmuster, Einstellungen, Habitus, Handlungs- und Interaktionsmuster oder andere basale Muster der Weltdeutung und -konstruktion zielen. Das gilt unabhängig davon, ob die Untersuchung stärker gruppen- oder individuumsbezogene Fragestellungen verfolgt. Derzeit noch methodisch eingeschränkt erscheinen Interaktionsanalysen, wenn konkurrierende metaphorische Deutungsmuster im Gespräch verhandelt werden (Buchholz, von Kleist 1995); hier steht m. E. eine verlässliche Methodik noch aus. Die Verallgemeinerung der Ergebnisse metaphernanalytischer Studien ist wie bei anderen rekonstruktiven Verfahren vom konkreten Design abhängig. Mayring (2007) hat eine Übersicht von möglichen Typen der Verallgemeinerung in qualitativer Forschung vorgelegt; davon angeregt werden in Schmitt (2007) die Grenzen der Gültigkeit metaphernanalytischer Ergebnisse diskutiert. Wie bei vielen sinnrekonstruierenden Forschungsmethoden sind die Möglichkeiten der Metaphernanalyse eingeschränkt, wenn die interessierenden Phänomene nicht versprachlicht werden können. Dies erzwingt Beobachtung oder sprachergänzende Erhebungsformen (Bild, Foto, Video, plastische Gestaltung, Musik) und andere Analysen materieller Bedingungen der Lebenssituation. Bereits Habermas (1967: 179f.) hat auf die Grenzen einer sprachverstehenden Soziologie hingewiesen und vor einer idealistischen Überschätzung des sprachlich artikulierten Bewusstseins gewarnt; Forschung in der Sozialen Arbeit wird je nach Forschungsfrage nicht ohne weitere Analysen der materiellen Lebensbedingungen auskommen.

 

[6.] Studien in dieser Tradition im Kontext Sozialer Arbeit

Die Metaphernanalyse ist als Forschungsmethode recht jungen Datums, deren Anwendung sich über sehr verschiedene Disziplinen erstreckt, sodass im Hinblick auf ihre Relevanz für die Soziale Arbeit auch Vorläuferstudien einbezogen werden, welche Metaphern noch nicht sehr systematisch rekonstruierten.

Schön (1979) dokumentiert in seinem klassischen Aufsatz an Beispielen aus der Sozialpolitik die Rolle von Metaphern als Handlungsanweisungen, denn sie generieren überhaupt erst das, was wir als Problem ansehen; er nennt solche Metaphern „generative metaphors“. Er beschreibt Stadtplaner, die Slumgebiete als ‚Krankheit‘ oder ‚Geschwür‘ wahrnahmen und auf radikale ‚Operationen‘ drängten. Damit waren radikale Einschnitte gemeint, die mit der Planierung der Slumsiedlung und dem Neubau von Hochhäusern verbunden waren. Andere Metaphern, die Slums als ’natürliche Gemeinschaft‘ interpretierten, führten zu anderen städtebaulichen Eingriffen, die aus behutsamer Unterstützung der Eigenregie der Bewohner bei Modernisierungen bestanden. Schön beschreibt kritisch eine pragmatische Metaphorik des Problemlösens, in der ein Problem als gegeben angenommen und die Suche nach einer Lösung als ‚Aufgabe‘ begriffen wird, sowie Mittel, Wege und Werkzeuge als vorhanden angenommen werden. Er behauptet dagegen, dass Probleme nicht gegeben, sondern konstruiert seien; wir hätten es in der sozialen Realität nicht mit ‚Realität‘, sondern mit ‚conflicting stories‘ zu tun, hinter denen verschiedene generative Metaphern stünden.

Von den späteren stärker empirisch dokumentierenden Arbeiten sind Eisikovits und Buchbinder (1997) zu nennen, welche zunächst die Metaphern rekonstruieren, in denen misshandelnde Männer sich und ihre Situation schilderten: Diese erlebten Konflikte als Kriege, für die es keine andere Lösung als Sieg oder Niederlage gab; eigene Schwäche musste mit größerer Gewalt kompensiert werden; sie sahen sich als Opfer. Ihr Körper wurde als Behälter für (geschluckte) Ärger und Wut metaphorisiert, bis die „Explosion“ nicht mehr kontrolliert werden konnte. Ferner fanden sich Metaphern, welche die Schuld in einer Art Handel auf beide Seiten verteilten, Schuld reduzierten und den Vorgang ungeschehen machen sollten. Die folgende Studie von Eisikovits/Buchbinder (1999) eruierte die Metaphern, in denen die misshandelten Frauen ihr Erleben und ihre Versuche darstellten, den Partner zu erklären. Die AutorInnen arbeiteten heraus, dass diese Frauen sich nicht selbst als Opfer sahen, sondern in ihren Erzählungen eine Normalisierungsstrategie deutlich wurde, die das Geschehen nachvollziehbar machten, z.B. durch Naturalisierungen der Gewalt („der Mann ist ein Vulkan“) oder indem sie sich verbale „Gewalt“ attestierten, den Mann zu verletzen. Viele Metaphern ließen sich dem Thema „Kontrolle“ zuordnen, sei es der Versuch, sich selbst, den Mann oder die Situation zu kontrollieren, sei es die Erfahrung des eigenen oder partnerschaftlichen Kontrollverlusts. Die Studie hätte noch eindrücklicher gestaltet werden können, wenn die Vielzahl der genannten Metaphern in metaphorischen Konzepten geordnet worden wären. Die bildlichen Denkwelten von vergewaltigenden Männern finden sich bereits in der Studie von Beneke (1982).

Es liegen mehrere systematisch vorgehende Dissertationen im Kontext Sozialer Arbeit vor: Geffert (2006) rekonstruiert die Denkwelt und Erwartungen von Jugendlichen in einer Berufsschule und die mit ihren metaphorischen Konzepten verbundenen Einschränkungen einer umfassenderen Teilnahme an gesellschaftlichen Möglichkeiten. Schulze (2007) hat in ihrer Studie zur Verfahrenspflegschaft bei Sorgerechtsverfahren mit hochstrittigen Eltern die Metaphernanalyse für eine Teilstudie genutzt, in der sie die jeweiligen Erwartungen und Handlungsmuster der Eltern, der RichterInnen und der Verfahrenspflegerinnen kontrastierte.

Aus einer Diplomarbeit entstanden ist die Publikation von Beck (2007) zur Metaphernanalyse in der textbasierten Online-Beratung von suizidalen Jugendlichen, die deren Bilder für Leben, Tod, Sinn und relevante Beziehungen nachzeichnet und Vorschläge für ein Beratungshandeln ableitet. Zur o. g. Thematik der Sucht liegen ebenfalls Publikationen vor (Alkohol: Schmitt 2002a, 2002b, Nikotin: Schmitt/Köhler 2006). Querverbindungen zur Biographie- und Bildungsforschung sind in Schmitt (2006) zu finden.

Die Selbstanalyse der Sozialen Arbeit und ihrer dominierenden Metaphern ist ebenfalls vertreten; Gould/Harris (1996) beziehen sich zwar auf Lakoff/Johnson, gehen aber über eine Dokumentation von mehr oder minder bildlichen Vorstellungen von Studierenden der Sozialen Arbeit nicht hinaus. In der Arbeit, in der die systematische Metaphernanalyse entwickelt wurde (Schmitt 1995), wurden neun zentrale metaphorische Konzepte des psychosozialen Helfens in der aufsuchenden Einzelfall- und Familienhilfe dokumentiert:

a) Helfen ist Begleiten: Einzelfallhilfe ist ‚auf den Weg bringen‘, geht von einem ‚engen‘ oder ‚heimatlosen‘ Ort aus und über eine ‚Gratwanderung‘ in einen ‚Freiraum‘.
b) Helfen ist Entlasten: Einzelfallhilfe ist ein ‚Unterstützen‘ von ‚belasteten‘ KlientInnen, die es ’schwer‘ haben und deren Bedingungen ‚erleichtert‘ werden sollen.
c) Helfen ist Binden: EinzelfallhelferInnen knüpfen ‚Bindungen‘ und ‚Kontakte‘, versuchen, ihre KlientInnen im Kiez ‚einzubinden‘, bevor sie sich ‚abnabeln‘.
d) Helfen an der Behälter-Grenze: Einzelfallhilfe ist Hilfe zum ’sich öffnen‘, ein ‚Einmischen‘ bei ‚verschlossenen‘ und ‚Grenzen ziehen‘ bei allzu ‚aufgeschlossenen‘ KlientInnen.
e) Helfen ist Geben (und Nehmen): Einzelfallhilfe ist ‚Geben‘ von Zuwendung, Hilfen, Versorgung, Erfahrung, und ‚Nehmen‘ von Supervision und Beratung.
f) Helfen ist Klären: Einzelfallhilfe versucht, ‚durchzublicken‘, auch wenn man im ‚Dunkeln‘ tappt, und will ‚Sichtweisen‘ und ‚Vorstellungen‘ bei Eltern, Kind und Amt ‚klären‘.
g) Helfen ist Nachhilfe, es geht um ‚Leistungen‘, ‚Erfolge‘ und um das tägliche ‚Pensum‘ nicht nur der Hausaufgaben, die KlientInnen sollen (für das Leben) ‚lernen‘.
h) Räumlich-akustische Metaphorik: Einzelfallhilfe ist Reden ‚mit‘, ‚über‘ und ‚an‘ die Beteiligten, die sich manchmal ‚herum-‚ und ‚heraus-‚reden ‚im‘ Gespräch.
i) Helfen ist Machen: Einzelfallhilfe zeigt sich als ‚Herstellen‘ von Beziehungen, ‚Machen‘ von alltäglichen Unternehmungen und ‚Aufarbeiten‘ von Defiziten.

Diese metaphorischen Deutungsmuster des Helfens waren in den Einzelanalysen in individuellen Kombinationen miteinander verbunden oder fehlten in charakteristischer Weise.
Die systematische Metaphernanalyse rekonstruiert basale Muster der Selbst- und Weltdeutung. Als Forschungsmethode scheint sie hinreichend entwickelt, ihre Anwendung in der Forschungspraxis hat begonnen, die Konsequenzen für die Beratungspraxis sind absehbar.

 

[Weiterführende Literatur]

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[1] Überarbeitete und ergänzte Fassung von Schmitt (2010).
[2] Der Aufsatz führt in die Grundgedanken der kognitiven Metapherntheorie ein. Die Forschungsmethode wird demgegenüber nur skizziert. Sowohl die Grundlagen wie die Methodik sind auf begrenztem Raum nicht zu vermitteln, vgl. Schmitt (2017a).
[3] Die Interviews sind mit den entsprechenden Kürzeln anonymisiert worden.
[4] Lakoff (1987, 304f.) diskutiert und akzeptiert eine schwache Fassung der Sapir-Whorf-Thesen.

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