Theoretisches Kodieren

“1. Kurzcharakteristik
Unter T.K. versteht man das Verfahren der qualitativen Datenanalyse im Rahmen des von Glaser und Strauss (1967) entwickelten Ansatzes der Grounded Theory. Das T.K. bildet das Kernstück miteinander verschränkter Verfahren (?Theoretical Sampling, Komparative Analyse), die zusammen auf die Generierung gegenstandsbegründeter Theorien abzielen. Das sind Theorien, die unmittelbar aus den empirischen Daten heraus entwickelt werden und somit im jeweiligen Gegenstandsbereich verankert sind. Neben der methodologischen Gesamt-konzeption der?grounded Theory etabliert sich jedoch auch zunehmend die selektive Anwendung des T.K. als Methode der qualitativen Datenanalyse. Zentrales Kennzeichen dieses ebenso offenen wie systematischen und methodisch kontrollierten Verfahrens ist es, daß Auswertungskategorien durch einen mehrstufigen Kodierprozeß aus dem Datenmaterial heraus entwickelt werden. Damit liegt die methodische Stärke des T.K. in der Möglichkeit, die einem spezifischen Datenmaterial zugrundeliegenden Zusammenhänge zu erschließen und gegenstandsbegründete theoretische Konzepte zu entwickeln. Geeignet ist das T.K. als Verfahren der Datenanalyse insbesondere dann, wenn menschliches Handeln und damit subjektive Sichtweisen, Kommunikations- und Interaktionsprozesse in spezifischen Kontexten erforscht werden sollen.

2. Zentrale Aspekte
Das T.K. als Verfahren der qualitativen Datenanalyse basiert auf einem Konzept-Indikator- Modell. Textstellen werden als Indikatoren für psychische und soziale Phänomene aufgefaßt, die als Hinweise auf ein Konzept dienen, das im fortschreitenden Prozeß des Kodierens systematisch aus den Daten abgeleitet wird. Zentrales Merkmal des T.K. ist die Mehrstufigkeit des Vorgehens, das die Teilschritte des offenen, axialen und selektiven Kodierens umfaßt. Die Teilschritte werden gegebenenfalls wiederholt. Die Textinterpretation wird durch das offene Kodieren eingeleitet mit dem Ziel, die Daten im Hinblick auf die jeweilige Fragestellung “analytisch aufzubrechen” (Strauss, 1991, S. 59). Dabei wird Zeile für Zeile kodiert, um sämtliche im Material enthaltenen Informationen zu erfassen. Zur Vermeidung einer rein paraphrasierenden Abbildung der Dateninhalte und zur Förderung einer explorierenden und hypothesengenerierenden Auseinandersetzung empfiehlt Strauss (1991) dem Kodieren der Daten folgendes Kodierparadigma zugrunde zu legen: Welche Bedingungen liegen den in den Daten zum Ausdruck kommenden Ereignissen, Verhaltens-, Erlebnisweisen etc. zugrunde? Welche Arten von Interaktionen zwischen den Akteuren lasssen sich identifizieren? Welche Strategien und Taktiken werden erkennbar? Was sind die Konsequenzen des Geschilderten? Den Vorgang des Kodierens begleitende Einfälle, Ideen, Hypothesen u.ä. werden während des gesamten Prozeß des Kodierens in “analytischen Memos”, d.h. Kommentaren festgehalten. Diese erste Analyse liefert ein möglichst breitgefächertes Spektrum von Kategorien, die zur Beschreibung und Erklärung der Daten brauchbar sein könnten. Diese Kategorien sind zwar die Voraussetzung der weiteren Analyse, die Stichhaltigkeit der bisherigen Inter-pretationen erweist sich jedoch erst in den folgenden Auswertungsschritten. Bei dem sich anschließenden axialen Kodieren konzentriert sich die Auswertungsarbeit auf wenige Kategorien. Besonders aufschlußreich erscheinende Kategorien werden nun hinsichtlich ihrer Dimensionen und Subdimensionen spezifiziert. Zentral ist es hierbei, daß die Querbezüge der Achsen-Kategorien zu den anderen Kategorien herausgearbeitet werden, wobei wiederum das Kodierparadigma Anwendung findet. Das Ergebnis des axialen Kodierens besteht in einer oder mehreren “Schlüsselkategorien”. Schlüsselkategorien besitzen für die konzeptuelle Verdichtung der Auswertungsergebnisse insofern entscheidende Bedeutung, als daß sie das Untersuchungsphänomen in seinen zentralen Aspekten erfassen und alle übrigen Kategorien inhaltlich-theoretisch verknüpfen. Den Schlüsselkategorien kommt damit für den untersuchten Gegenstandsbereich gebündelte Erklärungsrelevanz zu. Das selektive Kodieren dient schließlich der Integration der herausgearbeiteten Schlüsselkategorien, indem “alle der Schlüsselkategorie nachgeordneten Kategorien und Subkategorien systematisch zu der Schlüsselkategorie in Bezug gesetzt werden” (Strauss, 1991, S. 107). Die im Zuge des axialen Kodierens gewonnenen Erkenntnisse über inhaltlich-theoretische Zusammenhänge werden auf diese Weise ausgearbeitet und verfeinert. Das Ergebniss dieses mehrstufigen Kodierprozesses ist ein differenziertes und dichtes System von Beziehungen zwischen Kategorien bzw. theoretischen Konzepten, in dessen Mittelpunkt die Schlüsselkategorie steht: In diesem System sind die zentralen Phänomene des Gegenstandsbereiches in seinen vielschichtigen Dimensionen und Zusammenhängen abgebildet.

3. Methodische Stärke
Die Methodik des T.K. ist nicht durch ein geschlossenes Regelsystem gekennzeichnet. Vielmehr umfaßt das T.K. einige zentrale Verfahrensweisen, die Strauss (1991) zwar als notwendige Operationen, aber auch als flexibel anzuwendende “Leitlinien” begreift. Diese können bzw. müssen entsprechend den Erfordernissen des Forschungsgegenstandes und -prozesses modifiziert werden. Damit ermöglicht die Methode des T.K. eine Anpassung an die jeweiligen Eigenheiten des Forschungsgegenstandes. Die Stärke des Verfahrens liegt darüber hinaus v.a. in der Möglichkeit gegenstandsbegründete theoretische Konzepte zu entwickeln, da das beschriebene Vorgehen explizit darauf abzielt, erklärungsrelevante Aspekte des Untersuchungsphänomens in ihren inneren Zusammenhängen herauszuarbeiten. Die Vorgehensweise des T.K. gewährleistet insofern eine fortwährende methodische Kontrolle und Nachvollziehbarkeit der vorgenommenen Datenanalyse und Kategorienbildung, als daß zum einen die Interpretationsschritte in analytischen Memos dokumentiert werden, zum anderen die vorgenommenen Interpretationen kontinuierlich an den Daten überprüft werden. In diesem Zusammenhang plädiert Strauss (1991) ausdrücklich für einen regelmäßigen Austausch im Forscherteam. Dieser kann etwa mit der Diskussion von Ergebnissen des Kodierens oder mit wechselseitigem Kodieren derselben Daten realisiert werden.

4. Problematische Aspekte
Oft sind die problematischen Aspekte eines Verfahrens genau die Kehrseiten seiner Stärken – so auch im Fall des T.K. Die betonte Offenheit und flexible Anwendbarkeit insbesondere der von Glaser (1991) vorgelegten “Leitlinien” zum theoretischen Kodieren stellen v.a. für Unerfahrene hohe Anforderungen dar. Das T.K. erfordert im Vergleich zu anderen Auswertungsverfahren ein hohes Maß an selbstreflexiven und kreativen Fähigkeiten, um durch einen unvoreingenommenen Umgang mit dem eigenen Vorwissen zu einer theoretischen Konzeptualisierung zu gelangen, die nicht dem eigenen Gegenstandsvorverständnis, sondern der jeweiligen sozialen Realität angemessen ist.

5. Anwendung
Strauss (1991) hält das Vorgehen nach der Grounded Theory in den unterschiedlichsten Disziplinen der Humanwissenschaften für uneingeschränkt möglich. T.K. als Methode der Datenanalyse soll auf die unterschiedlichsten Datensorten (transkribierte Interviews, Feldnotizen, Beobachtungs- oder Sitzungsprotokolle, Dokumente wie Tagebücher, Briefe etc.) anwendbar sein. Ausgangspunkt sozialwissenschaftlicher Forschung im weitesten Sinn ist für Strauss (1991) immer die Komplexität sozialer Phänomene, die es zu erschließen gilt. Versucht man diese allgemeine Aussage auf bestimmte Gegenstandsbereiche einzuengen, dann erscheint das T.K. als Methode der Datenanalyse insbesondere dort geeignet, wo menschliches Handeln und damit subjektive Sichtweisen, Kommunikationsund Interaktionsprozesse in spezifischen Kontexten erforscht werden sollen. Darüberhinaus ist die Anwendung des T.K. grundsätzlich dann fruchtbar, wenn über einen interessierenden Gegenstandsbereich kaum Erkenntnisse vorliegen oder aber gezielt zusätzliche Informationen gewonnen werden sollen. Vor dem Hintergrund der inzwischen ausgearbeiteten Methodologie der Grounded Theory untersuchten Corbin & Strauss (1988/1993) die Frage nach dem Umgang mit chronischer Krankheit (Krebs, Querschnittlähmung, Epilepsie, schwere Hautkrankheiten u.a.) in Familien und Partnerschaften. Auf Grundlage verschiedener Datenquellen (Beobachtungen, Interviews mit den Betroffenen und ihren Angehörigen, Briefe etc.) entwickelten die Autoren die theoretischen Konzepte “Verlaufskurve” (Phasen der Renormalisierung, stabile, instabile, sich verschlechternde Phasen, Sterbephasen) und “Arbeit” (Arbeit bezogen auf die Krankheit, auf den Alltag, auf die Biographie). Zusammen erfassen die genannten Konzepte die zentralen Aspekte der mit chronischer Krankheit einhergehenden Anforderungen an die Betroffenen auf psychischer und praktischer Ebene und ermöglichen damit gegenstandsangemessene Planungen und Entscheidungen auf gesundheitspolitischer Ebene.

Literatur
Böhm, A., Legewie, H. & Muhr, T. (1992). Kursus Textinterpretation: Grounded Theory. Interdisziplinäres Forschungsprojekt ATLAS. Forschungsbericht aus dem Institut für Psychologie, 92-3. Berlin: Technische Universität.
Corbin, J. M. & Strauss, A.L. (1993). Weiterleben lernen. Chronisch Kranke in der Familie. München: Piper. (Orginal erschienen 1988: Unending work and care: Managing chronic Illness at home. San Francisco/CA: Jossey-Bass.)
Glaser, B. & Strauss, A. L. (1967). The Discovery of Grounded Theory: Strategies for qualitative research. Chicago: Aldine.
Lamnek, S. (1993), Qualitative Sozialforschung. Bd. 1: Methodologie. (2., überarbeitete Aufl.). Weinheim: Psychologie Verlags Union.
Strauss, A. L. & Corbin, J. (1990). Basics of Qualitive Research. Grounded Theory Procedures and Techniques. Newbury Park: Sage.
Strauss, A. L. (1991). Grundlagen qualitativer Sozialforschung. München: Fink Verlag.
Wiedemann, P. (1995). Gegenstandsnahe Theoriebildung. In: U. Flick, E. v. Kardorff, H. Keupp, L. v. Rosenstiel & S. Wolff, (Hrsg.), Handbuch Qualitative Sozialforschung (2. Aufl.) (S. 440-445). Weinheim: Psychologie Verlags Union.”

Entnommen aus: Schäfer, Jutta (1995): Glossar qualitativer Verfahren. Berlin: Berliner Zentrum Public Health. ISSN: 0949-0752. http://docplayer.org/3324440-Berliner-zentrum-public-health-95-1-glossar-qualitativer-verfahren-jutta-schaefer.html#show_full_text (18.02.18).