Theoretical Sampling

“1. Kurzcharkteristik
Das T.S. ist eine Strategie der Stichprobengewinnung, die von Glaser und Strauss (1967) im Rahmen des Ansatzes der?grounded Theory konzipiert wurde. In Abgrenzung zur statistischen Stichprobengewinnung wird mit dem T.S. die sukzessive Erhebung von für den Gegenstandsbereich einer Untersuchung theoretisch repräsentativen Untersuchungseinheiten angestrebt. Wesentliches Charakteristikum ist ein schrittweises und zirkuläres Vorgehen, bei dem durch die Entwicklung theoretischer Konzepte Kriterien für die Auswahl von Untersuchungseinheiten abgeleitet werden. Deren vergleichende Analyse wiederum ermöglicht die Ausarbeitung und Verfeinerung der theoretischen Konzepte. Mittlerweile wird das T.S. als die grundlegende Methode qualitativer Fallauswahl angesehen (vgl. z.b. Flick, 1991).

2. Zentrale Aspekte
Das T.S. realisiert den Grundgedanken der Grounded Theory, durch das empirische Material kontrollierte Theorien über die Verschränkung von Datenerhebung, Datenanalyse und systematischer Vergleichsbildung zu entwickeln. T.S. bezeichnet das sukzessive Heranziehen von Untersuchungseinheiten (Fällen, Gruppen, Ereignissen, Handlungen etc.). Zu Beginn des Forschungsprozesses orientiert es sich an theoretischen Vorüberlegungen, im weiteren Forschungsverlauf an den Ergebnissen der vergleichenden Analyse und damit zunehmend an gezielteren Hypothesen, die sich aus den entstehenden theoretischen Konzepten ergeben. Stichprobengewinnung und Entwicklung der Theorie werden so systematisch aufeinander bezogen und kontrollieren sich wechselseitig. Entsprechend dieser Konzeption der Stichprobengewinnung als Prozeß werden von Strauss und Corbin (1990) drei Formen bzw. Phasen der Stichprobengewinnung unterschieden und den Teilschritten des?theoretischen Kodierens zugeordnet: Das “Open Sampling” steht am Anfang des Forschungsprozesses. Nicht spezifizierte Annahmen zum Gegenstandsbereich leiten die Auswahl von Untersuchungseinheiten, die eine möglichst breite Erfassung potentiell relevanter Phänomene des Untersuchungsgegenstandes anstrebt. Ziel des sich anschließenden “Relational” und “Variational Sampling” ist die Differenzierung und Validierung der beim axialen Kodieren (?Theoretisches Kodieren) ge-wonnenen Kategorien und ihrer Dimensionen, sowie der durch die gezielte Einbeziehung neuer Fälle und Ereignisse beobachteten Querbezüge zwischen den Kategorien. Das “Discriminate Sampling” schließlich wird in Verbindung mit dem selektiven Kodieren (?Theoretisches Kodieren) angewandt. Indem neue oder bereits erhobene Daten hinzu-gezogen werden, werden die erarbeiteten theoretischen Konzepte und ihre Beziehungen untereinander verfeinert und überprüft. Das T.S. dient also der unmittelbar auf den empirischen Daten beruhenden Identifikation, Entwicklung und Verknüpfung theoretischer Konzepte. Das T.S. läßt sich im Kern als eine Strategie der kontinuierlichen Vergleichs-bildung bezeichnen. Das Vorgehen beinhaltet die Bildung minimaler und maximaler Kontraste zwischen Fällen, Gruppen, Ereignissen, Handlungen etc. Dabei sind es v.a. die maximalen Kontraste, die die Integration und Aussagekraft der entstehenden Theorie wesentlich bestimmen. Auf diese Weise können relevante Bedingungen unter denen die Theorie für den erforschten Gegenstandsbereich Gültigkeit besitzt aufgezeigt werden. Die Stichprobenauswahl erfolgt nach dem Kriterium der “Proven Theoretical Relevance” (Strauss & Corbin, 1990, S. 176). Damit ist gemeint, daß Kategorien als theoretisch bedeutsam erachtet werden können, wenn die auf sie verweisenden Phänomene bei der vergleichenden Analyse wiederholt identifizierbar oder eben nicht identifizierbar sind und diese Kategorien daher den Stellenwert eines theoretisch relevanten Konzeptes erhalten. Das T.S. kann abgeschlossen werden, wenn eine “Sättigung” der theoretischen Konzepte erreicht ist. Mit dem Kriterium der “theoretischen Sättigung” sind drei Aspekte angesprochen. Zum einen, daß auch die Einbeziehung weiterer Fälle nicht zu einer Modifikation der erarbeiteten theoretischen Konzepte führt, zum zweiten, daß die Kategorienentwicklung insgesamt vollständig ist, indem alle wesentlichen Gesichtspunkte des untersuchten Gegenstands-bereiches einschließlich ihrer Variationen berücksichtigt wurden und schließlich, daß die Beziehungen zwischen den theoretischen Konzepten als bestätigt gelten können.

3. Methodische Stärke
Das T.S. ist in der Lage, zu dem Untersuchungsgegenstand eine seiner Konzeptualisierung angemessene Stichprobenauswahl zu liefern. Die sukzessive Ermittlung relevanter Untersuchungseinheiten durch die fortschreitende Datenanalyse sowie umgekehrt die Berichtigung und Differenzierung der sich entwickelnden Konzeptualisierungen durch den gezielten Vergleich mit weiteren Fällen des Untersuchungsbereiches gewährleisten einen optimalen Bezug zwischen der sozialen Realität und ihrer Konzeptualisierung. Zudem kann der Umfang der Stichprobe(n) sinnvoll begrenzt werden. 4. Problematische Aspekte Da die Möglichkeiten zur Vergleichsbildung prinzipiell unbegrenzt sind, besteht das wesentliche Problem in der Formulierung sinnvoller Kriterien, nach denen die Untersuchungseinheiten einbezogen werden. Theoretischer Bezugspunkt sind die sich entwickelnde Theorie und die daraus abgeleiteten Annahmen zur Plausibilität und Relevanz der anvisierten nächsten Fälle. Die Stimmigkeit bei der Auswahl, der theoretisch relevanten Untersuchungseinheiten und dementsprechend die Erklärungsrelevanz der zu entwickelnden Theorie hängt in hohem Maße von der Fähigkeit des Forschers ab, die für den Gegegenstandsbereich tatsächlich relevanten Zusammenhänge, Fälle und Ereignisse zu entdecken. Ein problematischer Aspekt des T.S. auf forschungspraktischer Ebene besteht darin, daß aufgrund der sich nach theoretischen Kriterien vollziehenden Stichprobengewinnung sowohl der Stichprobenumfang als auch der zeitliche Rahmen eines Forschungsvorhabens im voraus schlecht abgeschätzt werden kann.

5. Anwendung
s. Theoretisches Kodieren.

Literatur
Flick, U. (1991). Fallorientierte Auswahl: Erfahrungen und Verfahrensvorschläge zum “theoretical sampling” bei Interviewstudien. Forschungsbericht aus dem Institut für Psychologie, Berlin: Technische Universität.
Glaser, B. & Strauss, A. (1967). The Discovery of Grounded Theory: Strategies for Qualitative Research. Chicago: Aldine.
Lamnek, S. (1993). Qualitative Sozialforschung. Bd. 1: Methodologie. (2., überarbeitete Aufl.). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union.
Strauss, A. & Corbin, J. (1990). Basics of Qualitive Research. Grounded Theory Procedures and Techniques. Newbury Park: Sage.
Wiedemann, P. (1995). Gegenstandsnahe Theoriebildung. In U. Flick, E. v. Kardorff, H. Keupp, L. v. Rosenstiel & S. Wolff (Hrsg.), Handbuch Qualitative Sozialforschung (2. Aufl.) (S ). Weinheim: Beltz, Psychologie Verlags Union.”

Entnommen aus: Schäfer, Jutta (1995): Glossar qualitativer Verfahren. Berlin: Berliner Zentrum Public Health. ISSN: 0949-0752. http://docplayer.org/3324440-Berliner-zentrum-public-health-95-1-glossar-qualitativer-verfahren-jutta-schaefer.html#show_full_text (18.02.18).