Netzwerkportal Qualitative Sozialforschung Forum Auswertungsmethoden Grounded Theory vs. Dokumentarische Methode Antwort auf: Grounded Theory vs. Dokumentarische Methode

#1758

Rudolf Schmitt
Teilnehmer
@RudolfSchmitt

Liebe Scarlet Siebert,

bei dem wenigen Material will ich nicht von einer Analyse sprechen, also nur ein metaphernanalytischer Vor-Kommentar im Hinblick auf den Zielbereich “learning companions”: Eine forschungsmethodisch konsequente Metaphernanalyse würde zunächst an einem solchen Text von 6-8 Seiten mindestens einen halben Tag lang
a) alle Metaphern – verstanden als Metaphern im Sinn von Lakoff und Johnson, und nicht des umgangssprachlichen Metaphernverständnisses – herausarbeiten und dann
b) in einem zweiten Schritt versuchen, abduktiv zu clustern, welche metaphorischen Redewendungen gemeinsame metpahorische Konzepte ergeben (Konzept definiert als in sich stimmigen bildlichen Quellbereich, der auf einen klar umrissenen Zielbereich projiziert wird). Lakoff und Johnson interessieren sich nur begrenzt für Metaphern, ihr Fokus sind metaphorische Konzepte.
Jetzt aber zum Material:
„Learning companions afford new intelligence and a private tutoring system that provides individual instruction to assist children in achieving effective and meaningful learning and improving learning motivation”
afford: (an-)bieten, gewähren, leisten; provides: versorgen, assist: unterstützen. Gleichzeitig wird hier “learning companions” personalisiert als ein Wesen, das anderen etwas anbieten kann, sie versorgen und unterstützen kann – in Zusammenhang mit diesen Verben ist es also die Personifikation, die einem Elternteil gleichkommt. “Companions” ist dann noch einmal eine andere Personifikation, aber auch hier mit einer mehrfachen Rollenasymmetrie: to help children: Sie helfen einerseits; andererseits “were built to perform tasks”: sie sind bloß hergestellt, um Aufgaben zu übernehmen (mögliche Rollen: Sklave/in, Knecht/Magd, Arbeitnehmer_in). “reported that RLCs could simultaneously increase children’s motivation to lear”: ‘could increase’: wieder eine Wirkungszuschreibung, die aber dieses Mal nicht nur menschlicher Wirkung entspricht, sondern auch eine Werkzeug-Konnotation sein könnte. “offer a more …” Hier bietet das Gerät wieder etwas an.

Kurzer Eindruck, der aber wirklich nicht mehr als Kaffeesatzlesen ist: Die Personifikationen schillern zwischen verantwortlichem Elternteil und untergeordnerter Dienstmagd, sind seltsam geschlechtslos – eine Projektionsfläche eines universal-hilfreichen Menschens ohne klar bestimmbare Züge. ABER: Das ist ein Einfall nach wenigen Zeilen!; und die von Ihnen erwähnte “teacher”-Funktion ist hier noch gar nicht enthalten. das müsste wirklich in zehn-fünfzehn ausgebauten metaphorischen Konzepten und deren Vergleich erhärtet werden.

Zu Ihren theoretischen Fragen:

a) Verhältnis von Metaphernanalyse und Leitbild:
Da muss ich passen. Ich habe vor langer Zeit mal einen Sammelband rezensiert, in dem versucht wurde, beides zusammen zu denken, was auch nach Meinung der Herausgeber_innen damals noch nicht gelungen ist: http://www.qualitative-research.net/index.php/fqs/article/view/43/89 Ob es da etwas neues gibt, weiß ich nicht; das Thema “Leitbild” war eher in der betriebswirtschaftlichen Forschung präsent, und das überblicke ich wirklich nicht.

b) Vergleich mit der explizizierenden Inhaltsanalyse:
Mit der explizierenden Inhaltsanalyse hat die Metaphernanalyse wirklich nichts zu tun – bzw. die explizierende Inhaltsanalyse Mayrings ist ein Raum, in dem verstehendes, abduktives Rekonstruieren von Sinn einen Platz hat – Ihre Vermutung würde somit neben der Metaphernanalyse auf alle anderen qualitativen Verfahren zutreffen, die der Rekonstruktion von sozialem Sinn sich widmen. Aber mir erscheint das etwas zu konstruiert.

c) Methoden kombinieren
Die Metapher wird Eva Jaeggi zugeschrieben: Mann kann nicht gut Vorspeise (Suppe), Hauptspeise und Nachtisch (Eis) kombinieren, wenn man sie in einen Mixer gibt. Aus den vermeintlichen Vorteilen wird schnell etwas nicht mehr nachvollziehbares. Jede Methode hat ja ihren nicht nur durch theoretische Annahmen, sondern durch Interpretationserfahrungen nahegelegten Ablauf, in dem Sicherungselemente, klärende Schritte etc. ihre Rolle haben. Uwe Flick hat ja einiges an strukturierenden Überlegungen formuliert, wie eine Triangulation organisierte sein sollte: https://www.amazon.de/Triangulation-Einf%C3%BChrung-Qualitative-Sozialforschung-German/dp/3531181254/
Ich habe eine diffuse Vermutung, wie die Metaphernanalyse in der von uns vorgeschlagenen Variante und die Leitbildanalyse (die ich nicht kenne) kombiniert werden könnten: Die zwei ersten von Ihnen genannten Gründe für die Leitbildanalyse (Trennung von Wunsch und Machbarkeit, Eingehen auf Rolle von Vertrauen und Emotion) lassen sich im dritten Teil einer Metaphernanalyse gut nutzen, und zwar als Heuristik, mit der die metaphorischen Konzepte dann analysiert und interpretiert werden. Das Verfahren der Metaphernanalyse ist in der Heuristik auf jeden Fall für diese Anregungen offen.
Der dritte von Ihnen genannte Grund für die Leitbildanalyse, die Analyse von ausgeschlossenen Denkformen, ist in der Metaphernanlayse an einem anderen Punkt des Ablaufs situiert, kommt aber in der Heuristik wieder: Vor der eigentlichen Metaphernanalyse wird ein Lexikon prinzipiell vorhandener Metaphern für den Untersuchungsbereich erstellt, das als Vergleichshorizont dient und später dann auf fehlende Metaphern hinweisen kann. (In dieser frühen Phase der Metaphernanalyse ist auch eine Eigenanalyse der Forschenden im Hinblick auf die präferierten eigenen Metaphern der Forschenden vorgesehen, um deren Stärken und Schwächen zu reflektieren – vergleichbare Eigenanalysen fehlen mir in anderen Vorgehensweisen, wenn ich von der reflexiven Grounded Theory nach Breuer mal absehe.)

d) Englisch
Sie haben oben gesehen, dass es prinzipiell kein Problem ist, eine andere Sprache zu analysieren, bzw. es ist nur in dem Maße der Nichtkenntnis der anderen Sprache ein Problem. Die zentralen Publikationen von Lakoff und Johnson sind alle auf Englisch erschienen, und insbesondere das erste Buch “metaphors we live by” ist gut zu lesen – bitte lesen Sie das, bevor Sie meine Publikationen lesen!!

Soweit. Gibt das einen Eindruck?

Mit freundlichem Gruß:
rudolf schmitt