Netzwerkportal Qualitative Sozialforschung Forum Auswertungsmethoden Grounded Theory vs. Dokumentarische Methode Antwort auf: Grounded Theory vs. Dokumentarische Methode

#1757

Scarlet
Teilnehmer
@ssieber1

Lieber Rudolf Schmitt,

vielen Dank für ihre schnelle und – wie sich herausstellt – sehr hilfreiche Rückmeldung!

Ich habe mich in der Zwischenzeit in Ihre Metaphernanalyse (Schmitt, Schröder & Praller, 2018), aber auch die sog. Leitbildanalyse nach Kuckartz (1996) und de Haan (2001) eingelesen.

Mir scheint, als suche Ihr Ansatz nicht so sehr nach Metaphern, sondern ginge von Metaphern aus, die in einem bestimmten Kontext benutzt werden und die es – über den übertragenden Sinn der Metapher hinaus – zu erklären gilt, ähnlich wie die mir bekannte explizierende qualitative Inhaltsanalyse (Mayring, 2015).

Da ich nicht nur an den in der Sozialrobotik genutzten Metaphern für die Roboter wie “Robot Teacher” interessiert bin (im Übrigen bin ich nicht sicher, inwiefern dieser Begriff metaphorisch, sondern tatsächlich wortwörtlich gemeint ist, wenn man einen Blick darauf wirft, wie Roboter als Lehrende programmiert werden und damit Kinder in eine passive Rolle drängen), sondern auch an Vorstellungen, die in diesem Zusammenhang über Kinder als Lernende, über das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden, über Lernsituationen etc., scheint mir die Leitbildanalyse in meinem Fall geeignet(er), denn:

  • sie unterscheidet zwischen Wunsch- und Machbarkeitsprojektionen, die im Kontext der Technikentwicklung – in meinem Fall die Gestaltung von sozialen Robotern für den Bildungskontext – relevant sind
  • sie stützt sich – neben interpersonellem Vertrauen (als ein auf die Zukunft gerichtetes Konzept zur Komplexitätsreduktion, vgl. Luhmann, 1973) und Emotionen (als motivierenden und die Aufmerksamkeit lenkenden Faktor)  –  auf Metaphern (de Haan, 2001, S. 84)
  • sie auf versucht, sog. Perspektivische Desynchronisation, d.h. “explizit ausgeschlossene Orientierungen”  zu analysieren (de Haan, 2001, S. 86). Dies könnte angesichts der – so meine Hypothese – auseinander driftenden Leitbilder von Pädagogik und Sozialrobotik, aber auch im interdisziplinären Feld der Sozialrobotik selbst von Interesse sein

Mit scheint aber, als könne man beide Methoden wunderbar kombinieren, nämlich dann, wenn man bei der Leitbildanalyse auf eine Metapher trifft, die detailliert analysiert werden möchte. Daher füge ich – auf Ihr Angebot zurückkommend – hier mal eine Passage herausgegriffen aus einem m.E. sehr typischen Paper aus der Sozialrobotik ein. Es geht hier um die Metapher der “Robot Learning Companion” (RLC):
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<div class=”column”>

<span style=”font-size: 100%;”>“Learning companions afford new intelligence and a private tutoring system that provides individual instruction to assist children in achieving effective and meaningful learning and improving learning motivation (Chan, 1991; Hietala & Niemirepo, 1998). Learning companions are like collaborative partners for students during learning activities since they can provide instant feedback; for example, they give the children answers immediately when the children ask questions (Choua, Chanb, & Linc, 2003; Dillenbourg & Self, 1995). Additionally, through learning companions, children can identify their errors while studying, giving them an opportunity to relearn the material. </span>

<span style=”font-size: 100%;”>Recently, a number of studies have focused on the development of robot companions (Castellano, Pereira, & McOwan, 2009; Hyun, Kim, Jang, & Park, 2008; Su, Huang, Lin, Hsieh, & Chen, 2008). Robot companions were built to help children be engaged in the social life and enhance the interaction between them and the society and to perform the tasks, especially educational functions (Castellano et al., 2009; Dautenhahn et al., 2006, 2005). Thus, robot learning companions (RLCs) are essential for learning, particularly for children who are still in the early development period. Furthermore, Wei et al. (2011) reported that RLCs could simultaneously increase children’s motivation to learn and offer a more joyful perception during the learning process. A similar result was found in other studies (e.g., Chang, Lee, Wang, & Chen, 2010; Hyun et al., 2008; Wang, Young, & Jang, 2009).” (Hsiao et al., 2012, S. 170f., Hervorhebungen ScS)</span>

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Ohne ihre methodische Herangehensweise zu erläutern, haben Yumakulov, Yergens und Wolbring (2012) in einem Literature Review das Bild (sie benutzen hier das Wort “imagery”) von Menschen mit Behinderung in der Sozialrobotik analysiert und festgestellt, dass hier vor allem medizinische Begrifflichkeiten wie z.B. “treatment”, “therapy” und “impairment” verwendet werden. Sie schlussfolgern, dass die Sozialrobotik ein defizitorientiertes Bild von Menschen mit Behinderungen hat, welchen durch assistive Tools – in dem Fall Roboter – geholfen werden kann, damit sie ein gutes Leben führen können. Ist das eine Metaphernanalyse?

Sind Sie mit der Leitbildanalyse vertraut, basiert ggf. sogar Ihre Methode darauf? Oder wo sehen Sie Unterschiede? Mir scheint, als sei die Leitbildanalyse einerseits eine weniger theoretisch verankerte Methode, andererseits aber auch eine der Metaphernanalyse übergeordnete, und damit meine ich gröbere, weniger detaillierte, aber für größere Textkorpora geeignete, Möglichkeit bildliche Sprache zu untersuchen. Zudem stellt sich mir die Frage, wie mit fremdsprachigen Texten umgegangen werden muss, denn in der Sozialrobotik wird meist auf Englisch publiziert.

 

Beste Grüße,

Scarlet